Samstag, 22. März 2014

[Interview] Das Katzenpersonal befragt Melanie Vega

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, mit einem Diktiergerät einer weiteren Autorin direkt auf die Pelle zu rücken ^^ Keine Frage, das musste ich ausnutzen und nach anfänglichen Schwierigkeiten (ist mir doch bei Frage 3 aufgefallen, dass das Diktiergerät nicht an war), ging es dann endlich richtig los.

Melanie Vega ist Autorin des Buches:







Melanie, für uns Unwissende, stellst du dich uns kurz vor? 

Mein Name ist Melanie Raabe, ich veröffentliche als Melanie Vega. Ich bin 32, komme aus dem schönen Jena, da bin ich geboren, wohne aber mittlerweile in Köln. Ich bin ein Bücherwurm, ich liebe Bücher und bin superstolz, dass jetzt mein eigenes Buch auch bei ein paar Leuten im Regal stehen habe. „Die Hässlichen“ ist mein erster Roman, inspiriert von einer Geschichte, über die ich auf der Suche nach einer Reportage gestolpert bin, denn eigentlich bin ich auch Journalistin, das ist das, was ich gelernt habe, worin ich ausgebildet wurde nach meinem Studium. Ich habe Literatur und Medienwissenschaften studiert in Bochum und habe schon immer geschrieben, habe Bücher schon immer geliebt, mein Opa hat mir vorgelesen, als ich klein war. Seitdem lese ich selbst wie wild. Ich habe mir als Kind immer gern Geschichten ausgedacht und als Teenager habe ich weinerliche Gedichte geschrieben und in meinen 20ern habe ich begonnen, Romane zu schreiben.


Wie sieht dein normaler Tagesablauf aus?

Leider habe ich keinen „normalen“ Tagesablauf. Ich habe ja einen Dayjob, wie der Amerikaner sagt, also einen Job, mit dem ich mein Essen, meine Brötchen verdiene. Ich bin freie Journalistin, das heißt ich gehe nicht jeden Tag an die gleiche Arbeitsstelle, sondern habe viele unterschiedliche Arbeitgeber. Ich mache viel für Printmagazine in Köln, ich arbeite ein bisschen für den wdr in Köln, ich betreue Blogs für Firmen und schreibe Newsletter für Firmen, also ich mache wirklich alles, was mit Schreiben, Journalismus und Texten zu tun hat und mache aber auch oft Lesungen, bin viel unterwegs, schreibe oft frühmorgens, aber manchmal schaffe ich es frühmorgens nicht, weil ich da Termine habe, dann schreibe ich spät abends – jeder Tag ist anders.


Wie wichtig ist dir der Leserkontakt und das direkte Feedback deiner Leser?

Ich hätte in der Tat nicht gedacht, dass mir das so schnell, so wichtig wird. Ich finde es eigentlich sehr wichtig, beim Schreiben da überhaupt nicht dran zu denken, damit man wirklich was Originelles erschafft, ohne Angst vor Kritik, was nur aus dem eigenen Kopf kommt, aber wenn es fertig ist und es Leute lesen und Fragen dazu haben, liebe ich nichts mehr, als diese zu beantworten, mit den Leuten zu sprechen, auf Facebook oder Twitter Kontakt zu halten, die Leute persönlich zu treffen. Ich fange jetzt gerade erst an als Autorin, aber ich liebe das. Ich bin zwar eine schüchterne Person, aber ich liebe das, andere Menschen zu treffen, mich auszutauschen, das finde ich ganz toll.

Schüchtern als Journalistin?

Doch total! Ich glaube, dass das gar nicht so ungewöhnlich ist, dass gerade die schreibende Zunft eher zurückhaltend ist, denn letztendlich, klar muss man auch mal rausgehen und Interviews führen und Sprechen, aber man ist ja normalerweise derjenige, der die Fragen stellt und nicht derjenige, der die Fragen beantwortet. Das funktioniert ganz gut. Ich bin schüchtern, aber auch sehr interessiert an allem, was so passiert. Das heißt nicht, dass ich mich zurückziehe, aber dass ich grundsätzlich lieber der bin, der fragt und zuhört, als derjenige, der redet.


Gibt es ein einprägendes Buch aus deiner Kindheit, das deine Lesesucht erweckt und nicht mehr losgelassen hat? Sprich, mit anderen Worten: Welches Buch erweckte DIE Liebe zur Literatur?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe als Kind viel Vorgelesen bekommen von meinem Opa. Erich Kästner war riesengroß bei uns. Ich habe später auch viel Fantasy gelesen, Michael Ende, also ich glaube, wenn ich ein Buch sagen muss, dann ist es: Die unendliche Geschichte.


Welches Buch befindet sich aktuell auf deinem Nachttisch? 

Oh, da liegt gerade: Das Fremde Meer von Katharina Hartwell. Eine junge deutsche Autorin, ich glaube sogar, jünger als ich, so Ende 20, sehr literarisches Buch, also jetzt nicht Genre, sondern ganz hoch literarisch. Das ist mir von vielen Menschen aus der Buchbranche gleichzeitig als bestes Buch des vergangenen Jahres einer deutschsprachigen Autorin empfohlen worden. Ich bin erst auf Seite 50, aber es gefällt mir jetzt schon sehr gut.


Welchen Stellenwert haben Bücher neben deinem beruflichen Leben, in deinem privaten Leben?

Einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Ich sehe nicht Fern, ich gehe gern ins Kino, ich mag Filme, aber wenn ich mir aussuchen müsste, ob ich nie wieder einen Film kucke oder nie wieder ein Buch lese, würde ich natürlich sagen: Ich kucke nie wieder einen Film, gebt mir Bücher. Ich habe immer ein Buch dabei. Ich habe mir mal die Schulter ausgerenkt, weil ich immer so viele Bücher mitschleppe. Ich schlafe abends meistens mit meinem Kopf auf einem Buch ein und in jeder freien Sekunde, wenn es denn irgendwie geht, lese ich. Ich lese gern in der Bahn, ich lese auf Rolltreppen, ich habe nie Zeit, aber ich schaffe es trotzdem noch zu Lesen, es ist immer Zeit zu Lesen.


Hast du ein Lieblingsbuch, von dem du sagst: Das ist es, das könnte ich immer wieder lesen!?

Ja, mein absoluter Lieblingsautor ist Jonathan Safran Foer und mein Lieblingsbuch von ihm, im Original: Everything is Illuminated, zu Deutsch, im KiWi-Verlag erschienen: Alles ist erleuchtet. Ich liebe dieses Buch, ich kriege Gänsehaut, wenn ich nur an dieses Buch denke und ich kann es jedem nur empfehlen, ein Traum!


Weißt du im Buchladen immer genau was du willst oder stöberst du stundenlang, nur um doch wieder mehr mitzunehmen, als du eigentlich wolltest?

Definitiv letzteres! Ich stöbere ewig, entscheide mich ständig um und ich lese wahnsinnig quer durch die Bank. Ich lese gerne neue deutsche Literatur, ich lese gerne Fantasy, Krimis, Sachbücher, Biografien, alles, was mich irgendwie anspricht. Ich gehe fast nie mit einem Plan in einen Buchladen. 


Was wünschst du dir für die Zukunft? 

Ich wünsche mir, dass ich Bücher lesen und schreiben kann, bis ich tot umfalle.


Du schreibst unter Pseudonym, warum?

Melanie Vega ist mein alter Bloggername. Es hat zum einen praktische und zum anderen romantische Gründe. Die praktischen Gründe sind, dass ich auch jetzt bei einem Verlag veröffentlichen werde und mich entschieden habe, die Verlagssparte und die Selfpublishingsparte mit einem Pseudonym zu trennen, zum anderen finde ich es, unter uns gesagt, unglaublich cool ein Pseudonym zu haben. Ich glaube, ich werde auch irgendwann noch ein anderes Pseudonym erfinden, vielleicht ein männliches sogar, ein geschlossenes Pseudonym, bei dem man gar nicht weiß, dass ich dahinter stecke. Ich fand es schon immer toll, sich eine zweite Persönlichkeit zuzulegen mit einem Pseudonym, das finde ich toll. Das man sich selbst erfinden kann, sich selbst einen Namen geben kann.


In deinem Buch „Die Hässlichen“ widmest du dich dem Schönheitsideal, das derzeit herrscht bzw. genau den Menschen, die diesem nicht entsprechen. Du bist nun ausgesprochen gutaussehend, wie kamst du dazu, von der anderen Seite zu schreiben?

Zum einen sehe ich das selbst erst gar nicht so. Ich habe natürlich genau die gleichen Komplexe wie viele andere Menschen auch, weiß aber, dass das Quatsch ist, dass es viel wichtigere Dinge im Leben gibt, als auszusehen wie Gisele Bündchen, zum anderen hatte das einen realen Hintergrund. Zumindest der Auslöser war, dass ich auf einen Club gestoßen bin, der sich besonders schönen Menschen widmet und alle, die nicht so aussehen, ausgrenzt und als ich das mitbekommen habe, das ist eine Community, die nannte sich, ich weiß gar nicht, ob es die noch gibt beautyfulpeople.com, wo schöne oder solche, die sich dafür halten, jenseits aller anderen zusammen feiern und sich zelebrieren und das fand ich ekelhaft. Ich lehne Ausgrenzung in jeder Form ab. Ich bin auch eine schwarze Frau und habe mit solchen Themen einfach ein Hühnchen zu rupfen, mit allem, was irgendwie andere ausschließt und habe gedacht, wenn es diesen Club für Schöne gibt, dann kann ich jetzt zwar nicht in der Realität ein Club für Hässliche gründen, aber ich mache in der Literatur und so kam mir die Idee zu dem Buch und als diese Idee da war, lief es dann irgendwie von ganz alleine. Die Figuren kamen sofort und ich wusste sofort, was ich mit denen erzähle, was die machen und wie eine Party in diesem Club aussieht und was die für Aktionen starten werden – hat Spaß gemacht.


Verrätst du uns, woher deine familiären Wurzeln kommen?

Ich bin in Deutschland geboren. Ich habe eine deutsche Mutter, einen deutschen Vater, der nicht mein biologischer Vater ist, aber der für mich mein Papa ist und, nennen wir es mal meinen Erzeuger, die Hälfe meiner Gene kommen aus Benin, das ist in Westafrika.


Die Figur der Helena in deinem Buch verlor ihre perfekte Schönheit durch einen Unfall und scheint damit jedoch ziemlich gut klar zu kommen. Meinst du in der realen Welt würde eine wunderschöne junge Frau das auch so packen?

Ich glaube daran, dass es unter der Sonne alles gibt, dass eine wahnsinnige Bandbreite von Reaktionen möglich ist, von Ich-komme-überhaupt-nicht-klar bis Ich-komme-relativ-gut-klar. Helena reagiert sehr extrem. Ich glaube, dass die allerwenigsten Menschen so stark reagieren würden. Das war von mir aber eine ganz bewusste Entscheidung, weil ich glaube, jeder würde erwarten, dass Helena darunter total zusammenbricht, weil sie nicht mehr schön ist und ich habe gedacht, da gehe ich genau gegen und zeige jetzt eine Frau, die damit klar kommt und sagt: Okay, ich sehe jetzt anders aus, aber ich bin immer noch cool. Das hat Power und das war mir total wichtig, dass das jetzt nicht ein selbstmitleidiges Wrack dasteht. Ich hatte auch einfach gar keine Lust, sie als mitleidiges Wrack zu schreiben.


Claire, eine weitere Protagonistin aus „Die Hässlichen“, macht charakterlich eine erstaunliche Wendung durch. Wie kamst du zu diesem Entschluss?

Claire war tatsächlich eine Figur, die ganz schnell und ganz organisch gewachsen ist. Ich habe mich bei keiner der Figuren vorher hingesetzt und überlegt, wie ist sie am Anfang, wie ist sie in der Mitte und wie ist sie am Ende. Ich habe das eher wie eine Versuchsanordnung gestartet. Ich habe diese drei Figuren genommen, gekuckt, wie die sind und dann habe ich angefangen das Buch zu schreiben und habe sie ganz organisch handeln und entwickeln lassen und mir war relativ schnell klar, wie Claire auf bestimmte Dinge reagiert. Das Grundgerüst bei Claire war für mich so ein Bisschen, dass Claire zwar eine zurückhaltende Person ist, die immer sehr bescheiden tut, im Grunde aber sehr unglücklich ist und ich glaube, dass die schlimmsten Handlungen und die schlimmsten Entwicklungen was den Charakter betrifft, von Unglück kommen und man merkt es am Anfang noch gar nicht so, aber Claire ist ein unglaublich unglücklicher Mensch und daraus speist sich für mich alles, was sie tut und für mich konnte sie dann nicht mehr anders handeln, so, wie ich sie gesehen habe.


Bastian, dein Protagonist ist ja Abiturient und fällt allein durch seine Körpergröße von 1,90 m und seine wahnsinnig starke Akne auf und dennoch, obwohl er Mitglied bei den Fuglies ist, scheint er nicht wirklich dazuzugehören. Wie kommt das?

Ich habe mir für alle meine drei Hauptfiguren eine Grundmotivation gesucht. Bei Helena ist das Ich-möchte-Aufmerksamkeit, bei Claire ist das Ich-möchte-schön-sein und bei Bastian ist das Ich-möchte-dazugehören. Es ist tatsächlich etwas, dass ich aus meinen eigenen Erfahrungen so ein Bisschen gespeist habe. Bastian ist glaube ich die Figur, die mir selbst am nächsten ist, die das meiste mit mir persönlich zu tun hat, auch wenn er natürlich ganz anders aussieht als ich, nämlich ein weißer großer Mann, ich bin eine kleine schwarze Frau. Ich glaube, dass das Gefühl Nicht-dazuzugehören ein universelles ist, dass das jeder in seinem Leben wahrscheinlich irgendwann einmal erlebt, ob es jetzt in der Jugend ist oder als Erwachsener oder wenn es nur ist, wenn man in einen Raum geht, auf eine Party mit Leuten, die man nicht kennt und sich dann irgendwie nicht Dazugehörig fühlt. Ich glaube, irgendwie kann sich jeder damit identifizieren und es ist ein Gefühl, dass ich sehr gut kenne und das wollte ich einer Figur mitgeben und in diesem Kontext bei „Die Hässlichen“ bot sich das mir an.



Bastian, mein Liebling, macht ja eine erstaunliche Wandlung, über die ich jetzt hier nichts verraten möchte, durch. Wie meinst du kommt er damit später in seinem Leben klar? Er ist ja vorbelastet, was dieses Nicht-Dazugehören betrifft.

Bastian ist keine Figur, die sehr fertig ist. Bastian entwickelt sich sehr und man weiß am Ende des Buches, ich glaube, das darf ich verraten, noch nicht so richtig, wo es mit ihm hingeht. Ich weiß das selber auch nicht. Ich habe das für mich wirklich nicht über dieses Buch hinaus gedacht. Sebastian ist aber ein sehr intelligenter Charakter, ist auch ein unglaublich liebenswürdiger Charakter und ich denke, er kommt schon klar.


Also, ganz ehrlich, ich würde mich freuen, Bastian in einem weiteren Projekt mal wieder zu sehen. Wie stehen da meine Chancen?

Es ist überhaupt nicht konkret angedacht. Eine Fortsetzung von „Die Hässlichen“ wird es nicht geben, aber Bastian ist eine liebgewonnene Figur, ist auch eine Mischung aus mir und einigen meiner Freunde, obwohl das außer mir wohl niemand jemals erkennen könnte, weil er sehr verfremdet ist und ich kann mir vorstellen, dass zumindest eine ähnliche Figur noch mal irgendwann auftaucht, vielleicht mit einem anderen Namen.


Kannst du uns was zu zukünftigen Projekten sagen?

Ich schreibe tatsächlich gerade einen sehr literarischen Krimi. Der wird nächstes Jahr in einem großen Verlag erscheinen und ist sehr, sehr spannend und unblutig. Es ist zwar ein Thriller, aber eher psychologisch, auch wieder mit sehr ausgearbeiteten Figuren, die man hoffentlich auch zum Teil liebgewinnen kann und mit denen man ähnlich mitgeht, wie mit den „Hässlichen“. 

Herzlichen Dank an Melanie Vega für die Beantwortung der Fragen.

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