Freitag, 23. Mai 2014

[Interview] Das Katzenpersonal befragt Christian Sidjani

Schon länger lauerte ich auf die Gelegenheit, einen ganz besonderen Autoren mit Fragen in Beschlag zu nehmen. Nachdem ich auch sein neuestes Werk gelesen habe, habe ich endlich die Gunst der Stunde genutzt. Es handelt sich hierbei um CHRISTIAN SIDJANI, auch bekannt als NIKOLAS PREIL und MILOS NEVER. Also drei zum Preis von einem ^^

Als Christian Sidjani veröffentlicht:


Als Nikolas Preil in die Tastatur gehauen:


Als Milos Never publiziert:





Christian, stellst du dich uns kurz vor?

Ja, gerne. Mein Name ist Christian Sidjani, ich bin 37 Jahre alt und wohne mit meiner Frau in Hamburg. Seit frühester Kindheit denke ich mir schon Geschichten aus und seit ich ungefähr 11 bin, schreibe ich sie auch auf. Es war und ist mein großes Ziel, eines Tages nur vom Schreiben leben zu können, weil das die einzige Tätigkeit ist, von der ich mir vorstellen kann, sie bis ins hohe Alter auszuführen.

Ich bin auch Nikolas Preil, der ist 32 Jahre alt, wohnt auch in Hamburg, zusammen mit seiner Freundin Jasmin. Aber diese Person ist fiktiv, tritt ab und zu in Geschichten von Milos Never auf. Dennoch schreibt er ebenso wie ich, seit er 11 ist. Auch er möchte eines Tages nur vom Schreiben leben.

Du schreibst sowohl unter deinem richtigen Namen, wie auch unter Pseudonym. Wie kam es dazu?

Das ist so eine Sache. Als ich letztes Jahr zu veröffentlichen begann, konnte ich schon auf eine stattliche Anzahl an Geschichten zurückgreifen. Und auch wenn ich mich hauptsächlich dem Genre Horror gewidmet habe, sind diese Geschichten teilweise sehr unterschiedlich. Von einer Schauergeschichte im alten Stil bis zum morbiden Splatterpunk, und realistische Geschichten, traurig oder lustig. Pseudonyme zu erfinden sah ich als eine Möglichkeit, teilweise grundlegend Verschiedenes zu veröffentlichen, ohne die Leser zu enttäuschen.

Vielleicht würde ich das heute nicht mehr machen, aber damals habe ich mich gefragt, wie ich Folgendes empfinden würde: Da kaufe ich mir ein Buch von einem Autor, erhalte eine sehr ruhige Novelle über ein Kino, in dem seltsame Dinge geschehen, dann kaufe ich mir das nächste Buch und auf einmal lese ich über ein Alien-Monster-Pärchen, das ständig F- und S-Wörter verwendet und scheinbar wahllos mordet, um einen Fall zu lösen. Und schließlich eine dritte Geschichte, in der eine junge Frau vom Krebstod ihrer besten Freundin erfährt.
Manchmal habe ich sowieso das Gefühl, das müssen doch mehrere geschrieben haben, also war es gar nicht so abwegig, Alter Egos zu erfinden.

Hast du noch einen sogenannten Brot-Job?

Immer mal wieder. Vor ein paar Jahren und nach meinem Studium habe ich mich entschlossen, nur noch für das Schreiben zu leben. Ich arbeite dann immer, wenn ich es brauche. Und dann hauptsächlich im Service oder in einem Lager. Wie viele Jobs ich in meinem Leben schon hatte, kann ich nicht mehr zählen. Da war alles dabei, Videothek, Supermarkt, Marktforschung, Nachhilfe, Lektorat, Buchhandlung, Kino etc.

Wie wichtig ist dir der Leserkontakt und das direkte Feedback deiner Leser?

Von Beginn an, seit ich mein erstes E-Book veröffentlichte, war mir das das Wichtigste. Auch wenn man Monate im stillen Kämmerlein für ein Buch zubringt, so schreibt man doch letzten Endes für die Leser. Und es ist mir ungemein wichtig zu erfahren, was sie an einer Geschichte gut fanden und auch, was sie nicht so gut fanden, damit ich das in den nächsten Geschichten berücksichtigen kann. Am liebsten würde ich mich mit jedem Einzelnen, der von mir Bücher kauft, unterhalten.

Als ein Autor, der selbstständig veröffentlicht, habe ich ja auch direkten Einfluss auf die Bücher am Markt, d.h., dass ich im Prinzip Feedback direkt einbauen kann und den Text überarbeitet wieder hochladen. Auch das macht den Leserkontakt so unglaublich wichtig.

Wie schwer ist es deiner Meinung nach, sich als Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu integrieren?

Da muss man ja heutzutage noch unterscheiden zwischen Verlags- und Indie-Autor (also Self-Publisher, die ohne Verlag veröffentlichen). Ich denke, früher war es schon schwer genug, von einem Verlag genommen zu werden. Und ob sich das gedruckte Buch dann verkaufte, stand auf einem anderen Blatt. Jetzt ist es so, dass jeder seine Texte sehr schnell und kostenlos veröffentlichen kann, und gerade im Zuge des E-Book-Markts wird der Buchmarkt ja überschwemmt mit einer Unmenge an Publikationen. Wenn du da noch keine Leser hast und auch keine Werbung machst, dann ist es eigentlich unmöglich, sich zu integrieren. Auch nach über einem Jahr des selbstständigen Publizierens arbeite ich nach wie vor daran, bekannter zu werden. Als integriert würde ich mich momentan sogar nicht einmal bezeichnen, aber es gibt eine kleine Gruppe von Lesern und Bloggern, die mich und meine Pseudonyme kennt und meine Bücher gerne liest. Das freut mich wahnsinnig und macht mich stolz.

Wer ist dein Lieblingsautor und welches Buch könntest du immer wieder lesen?

Es gibt viele Schriftsteller, die mich in meinem Leben begleitet haben und auch jetzt noch begleiten, und noch mehr Bücher. Aber einen würde ich dann doch als meinen Lieblingsautor bezeichnen, den Romancier Paul Auster, dessen Buch „Nacht des Orakels“ ich beinahe jedes Jahr erneut lese, seit es 2003 erschienen ist. Und alle paar Jahre lese ich dann sein komplettes Werk in chronologischer Reihenfolge.

Doch auch von Edgar Allan Poe lese ich sehr regelmäßig auch erneut Geschichten. Dieser Autor begleitet mich schon seit meinen Jugendjahren. Doch keine Liste meiner Lieblingsautoren wäre vollständig, ohne Anton Tschechow, Hanns-Josef Ortheil und Javier Marias zu erwähnen.
Aus dem Genre Horror zähle ich Brian Keene, Ramsey Campbell, H.P. Lovecraft, Greg F. Gifune und jüngst auch Tim Curran zu meinen absoluten Favoriten. Die liest hauptsächlich Nikolas Preil, wenn er Zeit hat.

Neben der Schriftstellerei – wie viele Bücher liest du so als Privatperson im Jahr?

Meistens komme ich auf ein Buch pro Woche, manchmal brauche ich zwei Wochen dafür. Wenn es länger ist. Also würde ich sagen, ich lese durchschnittlich 40 Bücher pro Jahr. Aber so genau lässt sich das nicht sagen.

Wie sieht dein normaler Tagesablauf aus?

Kaffee und Zigaretten am Morgen (mein großes Laster). Dann schreibe ich bis zum Frühstück, dann eine kurze Pause, weiter bis zum Mittagessen, und später am Nachmittag kümmere ich mich meist um andere Angelegenheiten, die mit dem Schreiben und Veröffentlichen zu tun haben.
Das ist der normale Ablauf, wenn ich Termine habe, dann ist das eine Abweichung.

Welches Buch befindet sich aktuell auf deinem Nachttisch?

Aktuell lese ich gerade „Zerfleischt“ von Tim Curran, dessen Originaltitel „The Devil next Door“ ich viel besser und passender finde. Danach werde ich wohl noch ein weiteres Buch von ihm lesen. Aber mein Stapel an ungelesenen Büchern (sowohl auf dem Kindle, als auch gedruckte) ist extrem hoch. Manchmal habe ich Entscheidungsschwierigkeiten, so warten unter anderem noch Paul Austers zweiteilige Quasi-Autobiographie „Winter Journal“ und „Report from the Interior“ darauf, von mir verschlungen zu werden, „Die Zeit, die Zeit“ von Martin Suter und immer wieder viel Tschechow. 

Nikolas freut sich schon u. a. auf „Verkommen“ von Bryan Smith, „Ligeia“ von John Everson und „Fünf Tode“ von Fred Ink.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Nichts weiter als beste Gesundheit für meine Familie und mich. Und in Bezug auf mein Schreiben: Ich hoffe, dass ich eines Tages für eine größere Leserschaft schreiben darf, die Spaß daran hat, den Windungen meines Gehirns zu folgen.

In deinem aktuellen Buch „Bierbrut“ widmest du dich ja sehr anschaulich den möglichen Folgen von Bierkonsum. Kam dir die Idee zu diesem Buch bei einem Bier?

Tatsächlich trinke ich kein Bier. Seltsam, oder? Aber es ist Deutschlands Volksgetränk Nummer Eins. Mich hat eher die Frage gereizt, was ist, wenn etwas, von dem jeder zu wissen glaubt, wie es beschaffen ist, plötzlich für unerwartete Folgen sorgt. Die möglichen Folgen von Bierkonsum darzustellen, hat sich dann nur zwangsläufig so ergeben. Aber es stimmt schon, die Folgen des erhöhten Konsums von Bier werden in unserer Gesellschaft im Vergleich zum Rauchen eher verharmlost.

Die erste Idee war allerdings das Vorstellungsgespräch in einer Kneipe, ein arbeitsloser, geschiedener Mann, der zu allem bereit ist, um Geld zu kriegen, und ein verlockendes Angebot, das ihn verändern wird.

Unter deinem Pseudonym „Nikolas Preil“ schreibst du Literatur, die nichts für Zartbesaitete ist. Was reizt dich ausgerechnet an dieser Literatur?

Das würde ich gerne Nikolas beantworten lassen, denn mich reizt auch das Subtile:

Horror muss weh tun. Auf eine sehr persönliche Art. Aber er muss auch unterhalten und ich habe mich immer am besten von grenzwertigen Horrorfilmen („Martyrs“, „Haus der 1000 Leichen“, „Der Exorzist“) unterhalten gefühlt. Der Regisseur David Cronenberg hat mal gesagt, er zeigt in seinen Filmen so viel „body horror“, also expliziten Zerfall und damit explizite Gewalt, weil die Zerstörung des Körpers etwas Endgültiges ist, und das macht ihm Angst. In gewisser Weise möchte ich mich auch selbst schocken, mich selbst an meine Grenzen bringen. Dann denke ich immer, das schreibst du jetzt nicht wirklich, oder? Doch, die Geschichte verlangt es.

Gibt es etwas, wovor selbst du dich fürchtest?

Wie eben schon angedeutet: Ich denke, ich verarbeite das, was mir Angst macht, in meinen Geschichten. Damit meine ich nicht das Übernatürliche, sondern was konkrete, bedrohliche Ereignisse mit einem Menschen anstellen können: Zerstörung des Körpers und des Geistes.

Wie hat deine Umwelt auf deine gespaltene Literatur-Persönlichkeit reagiert?

Zwiegespalten, einige mögen den harten Horror, andere mögen meine anderen Geschichten. Es gibt welche, die sich fragen, warum ich sowas schreibe und sie verstehen es dann nicht. Ich denke, gerade das Genre Horror, besonders in seiner extremen Ausprägung, ist auch eine große Geschmacksfrage.

Kannst du uns schon etwas zu deinem nächsten Werk verraten?

Das kann ich sehr gern, denn seit Monaten arbeite ich schon an Nikolas Preils neuen Geschichten. Es ist eine Reihe, die ich „Monster, Mörder, Mutationen“ taufte. „Bierbrut“ ist der erste Band. Die Geschichten sind inhaltlich in sich zwar abgeschlossen, mit eigenständigen Hauptfiguren und eigeneständiger Haupthandlung, aber gleichzeitig sind sie miteinander verwoben, sodass ich von einer ersten Staffel spreche. Sie wird fünf Bände umfassen und bis September wird an jedem neunten des Monats ein weiterer Band erscheinen. 

„Amok-Snuff“ ist der nächste Band und der Name ist Programm. Allerdings handelt es sich hierbei eher um einen Thriller als um einen Horrorroman. Es gibt auch einen Ermittler, aber in erster Linie wird der Leser dem Schicksal von Joachim folgen, der sich eigentlich einen gemütlichen Freitagabend machen will. Dass daraus nichts wird, ist klar. Aber keine Sorge, in der Reihe wird der Horror nicht zu kurz kommen, und ich kann jetzt schon verraten, dass es an einigen Stellen noch extremer wird als in „Bierbrut“.


Herzlichen Dank an Christian Sidjani für die Beantwortung der Fragen.

Kommentare:

Christian Sidjani hat gesagt…

Vielen Dank für dein Interesse, Kerry. Es hat viel Spaß gemacht, die Fragen zu beantworten.

karin hat gesagt…

Hm, die Cover haben es schon mal in sich oder? Nichts für zartbeseitet Leser und Leserin.

Werde ich, aber gerne mal näher mit diesem Autoren beschäftigen..

Danke für Interview und Hinweis.

LG..Karin..