Dienstag, 18. August 2015

[Interview] Das Katzenpersonal befragt Andrea Reichart

Es ist schon etwas länger her, dass ich ein "Opfer" für meine Frage gefunden habe, dass bereit war, sich diesen zu stellen. Von daher bin ich sehr glücklich, dass sich ANDREA REICHART bereit erklärt hat, meine Fragen zu beantworten und es brannten mir nicht wenige auf der Seele. ^^

Folgende Bücher hat Andrea Reichart bereits geschrieben bzw. war an den Anthologien beteiligt:



Und folgende Bücher als Aubrey Cardigan:







Andrea, für die (noch) Unwissenden, stellst du dich uns kurz vor?
Mein Name ist Andrea Reichart, ich bin 1960 in Oberhausen geboren, in den USA und in Essen aufgewachsen, und lebe nun seit 2008 in Iserlohn, dem Tor des Sauerlands. Ich bin die Autorin von „Nenn mich Norbert“, „Rock im Wald“, „Wings of Silence“ (unter dem offenen Pseudonym Aubrey Cardigan) und (bisher) zwei anderen Liebesromanen.

Du hast einen interessanten beruflichen Werdegang – berichtest du uns davon?
Ist er wirklich so interessant? Nach einer Buchhandelslehre studierte ich Literatur- und Sprachwissenschaften, dann machte ich mich erst mit einem Verlag und schließlich noch mit einer Buchhandlung in Essen selbstständig. 2008 schloss ich beides nach 15 bzw. 13 Jahren wieder und zog ins Sauerland, um das Programm des Literaturhotel Franzosenhohl in Iserlohn zu betreuen. Ich arbeite auch als Lektorin für Verlage und Privatpersonen und unterrichte Schreiben in 3-stündigen sogenannten Blitz-Workshops. Seit Mai 2015 bin ich Präsidentin von DeLiA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

Wie sieht dein normaler Tagesablauf aus?
Gegen acht gehe ich mit Norbert, meinem Hund, eine lange Runde durch den Iserlohner Stadtwald, dann wird gefrühstückt, ab 10 Uhr sitze ich am Schreibtisch. Die Mittagsrunde gegen 14 Uhr treibt mich wieder in die Wälder, oft mit kleinem Abstecher ins Literaturhotel, wo ich mich manchmal auch mit Menschen treffe, die einen Termin gemacht haben, aus den unterschiedlichsten literarischen Gründen. Dann zurück an den Schreibtisch. Abends die letzte kurze Runde gegen 22 Uhr, dann noch bis Mitternacht ein wenig bei Facebook reinschauen und Kontakte pflegen, ehe es gegen Mitternacht ins Bett geht. 

Als du begonnen hast zu schreiben, hast du dies nur für dich gemacht oder hattest du von Anfang an feste Unterstützer an deiner Seite, die genau wussten, was in dir steckte und die dich immer in deinem Tun bestätigt haben?
Nein, das erste Schreiben mit 10 kam aus mir und war für mich. So blieb das dann aber auch viele Jahre lang.

Wie wichtig ist dir der Leserkontakt und das direkte Feedback deiner Leser?
Sehr wichtig. 

Wie schwer ist es deiner Meinung nach, sich als Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu integrieren?
Die Chance, einen großen Verlag so für sich zu begeistern, dass alle Wünsche von Karriere und Ruhm in Erfüllung gehen, ist angesichts der Fülle an Autoren, die dasselbe versuchen, verschwindend gering und von vielen Faktoren abhängig, wie das Richtige Manuskript zum richtigen Zeitpunkt dem richtigen Menschen anzubieten. Vorausgesetzt, es ist Talent da, könnte es dann schön weitergehen. Man sollte allerdings die Fähigkeit, hunderte von Seiten mit einem Text zu füllen, der niemanden interessiert außer einen selbst, nicht automatisch mit literarischem Talent gleichsetzen. Das sind zwei Paar Schuhe und man ist ganz gut beraten, immer weiter an sich selbst zu arbeiten. Ich jedenfalls versuche es.

Mit welchem Buch erwachte deine Liebe zur Literatur?
The Wizard of Oz. 

Neben der Schriftstellerei/Arbeit – wie viele Bücher liest du so als Privatperson im Jahr?
Ich lese Hunderte von Büchern, weil ich erstens sehr schnell lesen kann und nicht wirklich trenne zwischen Berufslesen und Hobbylesen. Fürs Literaturhotel – und früher für den Einkauf in meiner Buchhandlung – musste und muss ich sehr viel lesen. Nun bin ich auch in einer Jury, was das Ganze noch mal etwas in die Höhe schraubt. Das richtige „Sehnsuchtslesen“ allerdings, bei dem ich mir bewusst seeehr viel Zeit lasse, trifft aber nur 3-4 Bücher im Jahr und das sind oft sogar Sachbücher. 

Welches Buch befindet sich aktuell auf deinem Nachttisch?
Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. Von Peter Wohlleben, einem Förster. Erscheinen im Ludwig Verlag. Was für eine Offenbarung für mich, ich gehe inzwischen mit ganz anderen Augen durch den Wald.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Gesund zu bleiben und rasenden Erfolg zu haben bis ins hohe Alter, damit ich mit dem Vermögen, was ich dann natürlich verdiene, noch ein paar gute Sachen machen kann. Und natürlich Weltfrieden. 

Bei deinem aktuellen Buch „Rock im Wald“ handelt es sich ja, wie bereits bei deinem Buch „Nenn mich Norbert“ um einen Hunderoman – wie kam es dazu, dass du diesem speziellen Hund Romane gewidmet hast? Geisterte diese Idee bereits länger in dir herum?
Nein, die Idee zu „Norbert“ kam damals an einem Nachmittag in Balve-Volkringhausen, wohin wir gerade gezogen waren. Ich schrieb sie in Kurzform auf (immerhin 15 Seiten) und las diese zwei Freundinnen vor, die beide in Tränen ausbrachen. Da wusste ich, die Geschichte könnte funktionieren. „Rock im Wald“ wurde erst möglich, als mir die Figur des radikalen Tierschützers „Rock Wood“ einfiel, der in Wirklichkeit ein ganz normales Leben als Anwalt führt. Der passte zu den „Norbert“-Figuren wie der Pott auf den Deckel und ich konnte mit der verletzt nach einem Unfall entlaufenen Hündin auch wieder einen Aspekt einbauen, der mir am Herzen liegt, nämlich wie groß die Liebe zu einem Hund – und umgekehrt – sein kann. Da ich bei aller Dramatik gerne lache und Leute auch zum Lachen bringe, hat das Schreiben auch sehr viel Spaß gemacht.

Es wurden weitere Romane rund um Norbert und seine Familie in Aussicht gestellt *freu*. Kannst du uns dazu schon näheres sagen?
Vielleicht nur so viel: Norbert & Jürgen, Nobbi und natürlich Rock Wood und seine Freunde werden wieder dabei sein. Jetzt sind mit der Figur von Rock Fortsetzungen möglich. „Norbert“ war ja nicht auf mehrere Bände konzipiert, „Rock im Wald“ ist ja auch nicht „Norbert 2“, sondern ein neuer „Norbert“-Roman, das ist ein Unterschied.

Wieviel „Norbert“ ist Fiktion und wie viel ist Realität?
Die Grundbotschaft ist real, nämlich dass das Fehlen von Liebe und Vertrautheit Einsamkeit hervorruft, und die schmerzt. Norbert ist verwitwet, viel einsamer kann er gar nicht werden, als er auf den traumatisierten einsamen Hund Norbert trifft, der ja im Grunde durch den Verlust von Claudia verwaist ist. Gott sei Dank gabs in meinem Leben diese Tragik nie. Dafür bin ich aber wie Norbert als Großstadtmensch plötzlich in einem Dorf gelandet – vieles von dem, was Norbert dort erlebt hat einen realen Kern. Die Tsunami-Geschichte hat auch reale Elemente, aber auf die jetzt einzugehen, würde den Rahmen sprengen. 

In deinen Norbert-Büchern gibt es auch eine menschliche Figur mit Namen Norbert. Ist diese Figur an einen dir bekannten Menschen angelehnt oder hast du ihn aus verschiedenen Charaktereigenschaften „zusammengewürfelt“? Wie realistisch ist es deiner Meinung nach, dass es Menschen wie eben jenen Norbert gibt, der bereit ist, eines Versprechen willens, sein Leben komplett umzukrempeln?
Ich kenne viele Menschen reiferen Jahrgangs, die nicht einen Moment zögern würden, ein neues Leben und damit auch die Chance auf ein neues Glück mit beiden Händen zu ergreifen und alles hinter sich zu lassen. Im Grunde haben mein Mann und ich das mit dem Umzug ins Sauerland ja auch getan. Es mag sein, dass dies auf junge Leser befremdlich wirkt. Aber um die Frage zu beantworten: Nein, Norbert ist fiktiv.

In deinem aktuellen Buch „Rock im Wald“ gibt es die Figur des „Rock Wood“, einem Tierschützer. Diese Figur an sich ist auch in dem Buch ein Pseudonym, wobei augenscheinlich diese Kunstfigur auch großen Einfluss auf das reale Leben des Menschen hat, der sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Gibt es für diese Figur eine reale Vorlage? Hast du dich, um diese Figur glaubhaft darstellen zu können, intensiv mit der Thematik Tierschutz auseinandersetzen müssen? Wie wichtig ist dir der Tierschutz als Privatperson?
Seit Jahren beobachte ich im Internet die Tierschutzbewegung und engagiere mich dort auch ein wenig. Es gibt etliche Figuren, die ähnlich engagiert auftreten wie Rock Wood, aber ich kenne keine davon persönlich. Rock Wood ist also eine Kunstfigur, die in sich das Beste aus all den engagierten Leitfiguren subsummiert, ohne die die Tierschutzszene vielleicht gar nicht funktionieren würde. Ein Held, wie es ihn im Alltag nur noch selten gibt. Kompromisslos, ehrlich, bis zur Selbstaufgabe engagiert und der Mehrheit weit voraus, wenn es darum geht, Tiere mit der Würde zu behandeln, die ihnen zustehen sollte.

In deinen Norbert-Büchern hat Hund Norbert eine sehr intensive und enge Bindung zu seinem Frauchen „Claudia“, wobei auch beschrieben wird, dass gerade diese Bindung nur sehr selten vorkommt. Hast du solch eine Bindung schon im realen Leben erleben dürfen? Was meinst du unterscheidet Norbert von den anderen Hunden in der Literatur, denn ehrlich, dem kleinen Kerl fliegen ja unweigerlich alle Herzen zu?
Den meisten Hundebesitzern, die ich kennengelernt habe, ist gar nicht klar ist, wie intelligent und kommunikationsfähig ihr Hund eigentlich ist. Sie sind ganz erstaunt, wenn er Kommandos schnell lernt, und ahnen gar nicht, dass noch so viel mehr möglich ist. Kein Wunder, wie sollte das auch in einer Gesellschaft anders sein, in der ein Tier noch immer eine Sache ist? Oben wurde nach meinen Wünschen für die Zukunft gefragt. Es wäre wunderbar, wenn ich noch miterleben könnte, dass die Menschheit schlau wird und begreift, was sie mit der Flora und den Tieren dieses Planeten eigentlich für ein Pfund vor sich hat. Und um auch hier die Frage zu beantworten: Ja, ich erlebe diese Bindung mit meinem Hund Norbert. Er ist derjenige, der mich das Zuhören und Verstehen lehrt. Täglich neu.


Herzlichen Dank an Andrea Reichart für die Beantwortung meiner Fragen.
 

Kerry

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