Melanie, für uns Unwissende, stellst du dich uns kurz vor?
Mein Name ist Melanie
Raabe, ich veröffentliche als Melanie Vega. Ich bin 32, komme aus dem schönen
Jena, da bin ich geboren, wohne aber mittlerweile in Köln. Ich bin ein
Bücherwurm, ich liebe Bücher und bin superstolz, dass jetzt mein eigenes Buch
auch bei ein paar Leuten im Regal stehen habe. „Die Hässlichen“ ist mein erster
Roman, inspiriert von einer Geschichte, über die ich auf der Suche nach einer
Reportage gestolpert bin, denn eigentlich bin ich auch Journalistin, das ist
das, was ich gelernt habe, worin ich ausgebildet wurde nach meinem Studium. Ich
habe Literatur und Medienwissenschaften studiert in Bochum und habe schon immer
geschrieben, habe Bücher schon immer geliebt, mein Opa hat mir vorgelesen, als
ich klein war. Seitdem lese ich selbst wie wild. Ich habe mir als Kind immer
gern Geschichten ausgedacht und als Teenager habe ich weinerliche Gedichte
geschrieben und in meinen 20ern habe ich begonnen, Romane zu schreiben.
Wie sieht dein normaler Tagesablauf aus?
Leider habe ich keinen „normalen“
Tagesablauf. Ich habe ja einen Dayjob, wie der Amerikaner sagt, also einen Job,
mit dem ich mein Essen, meine Brötchen verdiene. Ich bin freie Journalistin,
das heißt ich gehe nicht jeden Tag an die gleiche Arbeitsstelle, sondern habe
viele unterschiedliche Arbeitgeber. Ich mache viel für Printmagazine in Köln,
ich arbeite ein bisschen für den wdr in Köln, ich betreue Blogs für Firmen und
schreibe Newsletter für Firmen, also ich mache wirklich alles, was mit
Schreiben, Journalismus und Texten zu tun hat und mache aber auch oft Lesungen,
bin viel unterwegs, schreibe oft frühmorgens, aber manchmal schaffe ich es
frühmorgens nicht, weil ich da Termine habe, dann schreibe ich spät abends –
jeder Tag ist anders.
Wie wichtig ist dir der Leserkontakt und das direkte Feedback deiner
Leser?
Ich hätte in der Tat nicht
gedacht, dass mir das so schnell, so wichtig wird. Ich finde es eigentlich sehr
wichtig, beim Schreiben da überhaupt nicht dran zu denken, damit man wirklich
was Originelles erschafft, ohne Angst vor Kritik, was nur aus dem eigenen Kopf
kommt, aber wenn es fertig ist und es Leute lesen und Fragen dazu haben, liebe
ich nichts mehr, als diese zu beantworten, mit den Leuten zu sprechen, auf
Facebook oder Twitter Kontakt zu halten, die Leute persönlich zu treffen. Ich
fange jetzt gerade erst an als Autorin, aber ich liebe das. Ich bin zwar eine
schüchterne Person, aber ich liebe das, andere Menschen zu treffen, mich
auszutauschen, das finde ich ganz toll.
Schüchtern als
Journalistin?
Doch total! Ich glaube,
dass das gar nicht so ungewöhnlich ist, dass gerade die schreibende Zunft eher
zurückhaltend ist, denn letztendlich, klar muss man auch mal rausgehen und
Interviews führen und Sprechen, aber man ist ja normalerweise derjenige, der
die Fragen stellt und nicht derjenige, der die Fragen beantwortet. Das
funktioniert ganz gut. Ich bin schüchtern, aber auch sehr interessiert an
allem, was so passiert. Das heißt nicht, dass ich mich zurückziehe, aber dass
ich grundsätzlich lieber der bin, der fragt und zuhört, als derjenige, der
redet.
Gibt es ein einprägendes
Buch aus deiner Kindheit, das deine Lesesucht erweckt und nicht mehr
losgelassen hat? Sprich, mit anderen Worten: Welches Buch erweckte DIE Liebe
zur Literatur?
Das ist sehr schwer zu
beantworten. Ich habe als Kind viel Vorgelesen bekommen von meinem Opa. Erich
Kästner war riesengroß bei uns. Ich habe später auch viel Fantasy gelesen, Michael
Ende, also ich glaube, wenn ich ein Buch sagen muss, dann ist es: Die
unendliche Geschichte.
Welches Buch befindet sich aktuell auf deinem Nachttisch?
Oh, da liegt gerade: Das
Fremde Meer von Katharina Hartwell. Eine junge deutsche Autorin, ich glaube
sogar, jünger als ich, so Ende 20, sehr literarisches Buch, also jetzt nicht
Genre, sondern ganz hoch literarisch. Das ist mir von vielen Menschen aus der
Buchbranche gleichzeitig als bestes Buch des vergangenen Jahres einer
deutschsprachigen Autorin empfohlen worden. Ich bin erst auf Seite 50, aber es
gefällt mir jetzt schon sehr gut.
Welchen Stellenwert haben
Bücher neben deinem beruflichen Leben, in deinem privaten Leben?
Einen sehr, sehr hohen
Stellenwert. Ich sehe nicht Fern, ich gehe gern ins Kino, ich mag Filme, aber
wenn ich mir aussuchen müsste, ob ich nie wieder einen Film kucke oder nie
wieder ein Buch lese, würde ich natürlich sagen: Ich kucke nie wieder einen
Film, gebt mir Bücher. Ich habe immer ein Buch dabei. Ich habe mir mal die
Schulter ausgerenkt, weil ich immer so viele Bücher mitschleppe. Ich schlafe
abends meistens mit meinem Kopf auf einem Buch ein und in jeder freien Sekunde,
wenn es denn irgendwie geht, lese ich. Ich lese gern in der Bahn, ich lese auf
Rolltreppen, ich habe nie Zeit, aber ich schaffe es trotzdem noch zu Lesen, es
ist immer Zeit zu Lesen.
Hast du ein Lieblingsbuch,
von dem du sagst: Das ist es, das könnte ich immer wieder lesen!?
Ja, mein absoluter
Lieblingsautor ist Jonathan Safran Foer und mein Lieblingsbuch von ihm, im
Original: Everything is Illuminated, zu Deutsch, im KiWi-Verlag erschienen:
Alles ist erleuchtet. Ich liebe dieses Buch, ich kriege Gänsehaut, wenn ich nur
an dieses Buch denke und ich kann es jedem nur empfehlen, ein Traum!
Weißt du im Buchladen immer genau was du willst
oder stöberst du stundenlang, nur um doch wieder mehr mitzunehmen, als du
eigentlich wolltest?
Definitiv letzteres! Ich
stöbere ewig, entscheide mich ständig um und ich lese wahnsinnig quer durch die
Bank. Ich lese gerne neue deutsche Literatur, ich lese gerne Fantasy, Krimis,
Sachbücher, Biografien, alles, was mich irgendwie anspricht. Ich gehe fast nie
mit einem Plan in einen Buchladen.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ich
Bücher lesen und schreiben kann, bis ich tot umfalle.
Du schreibst unter
Pseudonym, warum?
Melanie Vega ist mein
alter Bloggername. Es hat zum einen praktische und zum anderen romantische
Gründe. Die praktischen Gründe sind, dass ich auch jetzt bei einem Verlag
veröffentlichen werde und mich entschieden habe, die Verlagssparte und die
Selfpublishingsparte mit einem Pseudonym zu trennen, zum anderen finde ich es,
unter uns gesagt, unglaublich cool ein Pseudonym zu haben. Ich glaube, ich
werde auch irgendwann noch ein anderes Pseudonym erfinden, vielleicht ein
männliches sogar, ein geschlossenes Pseudonym, bei dem man gar nicht weiß, dass
ich dahinter stecke. Ich fand es schon immer toll, sich eine zweite
Persönlichkeit zuzulegen mit einem Pseudonym, das finde ich toll. Das man sich
selbst erfinden kann, sich selbst einen Namen geben kann.
In deinem Buch „Die
Hässlichen“ widmest du dich dem Schönheitsideal, das derzeit herrscht bzw.
genau den Menschen, die diesem nicht entsprechen. Du bist nun ausgesprochen
gutaussehend, wie kamst du dazu, von der anderen Seite zu schreiben?
Zum einen sehe ich das
selbst erst gar nicht so. Ich habe natürlich genau die gleichen Komplexe wie
viele andere Menschen auch, weiß aber, dass das Quatsch ist, dass es viel
wichtigere Dinge im Leben gibt, als auszusehen wie Gisele Bündchen, zum anderen
hatte das einen realen Hintergrund. Zumindest der Auslöser war, dass ich auf
einen Club gestoßen bin, der sich besonders schönen Menschen widmet und alle,
die nicht so aussehen, ausgrenzt und als ich das mitbekommen habe, das ist eine
Community, die nannte sich, ich weiß gar nicht, ob es die noch gibt beautyfulpeople.com,
wo schöne oder solche, die sich dafür halten, jenseits aller anderen zusammen
feiern und sich zelebrieren und das fand ich ekelhaft. Ich lehne Ausgrenzung in
jeder Form ab. Ich bin auch eine schwarze Frau und habe mit solchen Themen
einfach ein Hühnchen zu rupfen, mit allem, was irgendwie andere ausschließt und
habe gedacht, wenn es diesen Club für Schöne gibt, dann kann ich jetzt zwar
nicht in der Realität ein Club für Hässliche gründen, aber ich mache in der
Literatur und so kam mir die Idee zu dem Buch und als diese Idee da war, lief
es dann irgendwie von ganz alleine. Die Figuren kamen sofort und ich wusste
sofort, was ich mit denen erzähle, was die machen und wie eine Party in diesem
Club aussieht und was die für Aktionen starten werden – hat Spaß gemacht.
Verrätst du uns, woher
deine familiären Wurzeln kommen?
Ich bin in Deutschland
geboren. Ich habe eine deutsche Mutter, einen deutschen Vater, der nicht mein
biologischer Vater ist, aber der für mich mein Papa ist und, nennen wir es mal
meinen Erzeuger, die Hälfe meiner Gene kommen aus Benin, das ist in Westafrika.
Die Figur der Helena in
deinem Buch verlor ihre perfekte Schönheit durch einen Unfall und scheint damit
jedoch ziemlich gut klar zu kommen. Meinst du in der realen Welt würde eine
wunderschöne junge Frau das auch so packen?
Ich glaube daran, dass es
unter der Sonne alles gibt, dass eine wahnsinnige Bandbreite von Reaktionen möglich
ist, von Ich-komme-überhaupt-nicht-klar bis Ich-komme-relativ-gut-klar. Helena
reagiert sehr extrem. Ich glaube, dass die allerwenigsten Menschen so stark
reagieren würden. Das war von mir aber eine ganz bewusste Entscheidung, weil
ich glaube, jeder würde erwarten, dass Helena darunter total zusammenbricht,
weil sie nicht mehr schön ist und ich habe gedacht, da gehe ich genau gegen und
zeige jetzt eine Frau, die damit klar kommt und sagt: Okay, ich sehe jetzt
anders aus, aber ich bin immer noch cool. Das hat Power und das war mir total
wichtig, dass das jetzt nicht ein selbstmitleidiges Wrack dasteht. Ich hatte
auch einfach gar keine Lust, sie als mitleidiges Wrack zu schreiben.
Claire, eine weitere
Protagonistin aus „Die Hässlichen“, macht charakterlich eine erstaunliche
Wendung durch. Wie kamst du zu diesem Entschluss?
Claire war tatsächlich
eine Figur, die ganz schnell und ganz organisch gewachsen ist. Ich habe mich
bei keiner der Figuren vorher hingesetzt und überlegt, wie ist sie am Anfang,
wie ist sie in der Mitte und wie ist sie am Ende. Ich habe das eher wie eine
Versuchsanordnung gestartet. Ich habe diese drei Figuren genommen, gekuckt, wie
die sind und dann habe ich angefangen das Buch zu schreiben und habe sie ganz
organisch handeln und entwickeln lassen und mir war relativ schnell klar, wie
Claire auf bestimmte Dinge reagiert. Das Grundgerüst bei Claire war für mich so
ein Bisschen, dass Claire zwar eine zurückhaltende Person ist, die immer sehr
bescheiden tut, im Grunde aber sehr unglücklich ist und ich glaube, dass die
schlimmsten Handlungen und die schlimmsten Entwicklungen was den Charakter
betrifft, von Unglück kommen und man merkt es am Anfang noch gar nicht so, aber
Claire ist ein unglaublich unglücklicher Mensch und daraus speist sich für mich
alles, was sie tut und für mich konnte sie dann nicht mehr anders handeln, so,
wie ich sie gesehen habe.
Bastian, dein Protagonist ist
ja Abiturient und fällt allein durch seine Körpergröße von 1,90 m und seine
wahnsinnig starke Akne auf und dennoch, obwohl er Mitglied bei den Fuglies ist,
scheint er nicht wirklich dazuzugehören. Wie kommt das?
Ich habe mir für alle meine
drei Hauptfiguren eine Grundmotivation gesucht. Bei Helena ist das
Ich-möchte-Aufmerksamkeit, bei Claire ist das Ich-möchte-schön-sein und bei
Bastian ist das Ich-möchte-dazugehören. Es ist tatsächlich etwas, dass ich aus
meinen eigenen Erfahrungen so ein Bisschen gespeist habe. Bastian ist glaube
ich die Figur, die mir selbst am nächsten ist, die das meiste mit mir
persönlich zu tun hat, auch wenn er natürlich ganz anders aussieht als ich,
nämlich ein weißer großer Mann, ich bin eine kleine schwarze Frau. Ich glaube,
dass das Gefühl Nicht-dazuzugehören ein universelles ist, dass das jeder in
seinem Leben wahrscheinlich irgendwann einmal erlebt, ob es jetzt in der Jugend
ist oder als Erwachsener oder wenn es nur ist, wenn man in einen Raum geht, auf
eine Party mit Leuten, die man nicht kennt und sich dann irgendwie nicht Dazugehörig
fühlt. Ich glaube, irgendwie kann sich jeder damit identifizieren und es ist
ein Gefühl, dass ich sehr gut kenne und das wollte ich einer Figur mitgeben und
in diesem Kontext bei „Die Hässlichen“ bot sich das mir an.
Bastian, mein Liebling,
macht ja eine erstaunliche Wandlung, über die ich jetzt hier nichts verraten
möchte, durch. Wie meinst du kommt er damit später in seinem Leben klar? Er ist
ja vorbelastet, was dieses Nicht-Dazugehören betrifft.
Bastian ist keine Figur,
die sehr fertig ist. Bastian entwickelt sich sehr und man weiß am Ende des Buches,
ich glaube, das darf ich verraten, noch nicht so richtig, wo es mit ihm
hingeht. Ich weiß das selber auch nicht. Ich habe das für mich wirklich nicht über
dieses Buch hinaus gedacht. Sebastian ist aber ein sehr intelligenter
Charakter, ist auch ein unglaublich liebenswürdiger Charakter und ich denke, er
kommt schon klar.
Also, ganz ehrlich, ich
würde mich freuen, Bastian in einem weiteren Projekt mal wieder zu sehen. Wie
stehen da meine Chancen?
Es ist überhaupt nicht
konkret angedacht. Eine Fortsetzung von „Die Hässlichen“ wird es nicht geben,
aber Bastian ist eine liebgewonnene Figur, ist auch eine Mischung aus mir und
einigen meiner Freunde, obwohl das außer mir wohl niemand jemals erkennen
könnte, weil er sehr verfremdet ist und ich kann mir vorstellen, dass zumindest
eine ähnliche Figur noch mal irgendwann auftaucht, vielleicht mit einem anderen
Namen.
Kannst du uns was zu
zukünftigen Projekten sagen?
Ich schreibe tatsächlich gerade einen sehr
literarischen Krimi. Der wird nächstes Jahr in einem großen Verlag erscheinen
und ist sehr, sehr spannend und unblutig. Es ist zwar ein Thriller, aber eher
psychologisch, auch wieder mit sehr ausgearbeiteten Figuren, die man
hoffentlich auch zum Teil liebgewinnen kann und mit denen man ähnlich mitgeht,
wie mit den „Hässlichen“.